Vorlesen fördert das „Kopfkino“ – Projekt zur Leseförderung am Progymnasium Bad Buchau zeigt bereits erste Erfolge (SZ)

Das Bad Buchauer Progymnasium ist jetzt eine „Vorleseschule“. Alle Klassen der Schule haben seit diesem Schuljahr am Projekt „Lese-Lust – Leseförderung durch Vorlesen“ teilgenommen. Die Ergebnisse stellte Professor Jürgen Belgrad von der Pädagogischen Hochschule Weingarten nun beim fünften Runden Tisch der Schule vor.

Professor Jürgen Belgrad versicherte sogleich, dass die Ergebnisse gut seien und schloss daran seine Präsentation mit einer kurzen Einführung in das Projekt an, um den Eltern einen Überblick zu geben. Beim Projekt, das im September begann und nun im Februar zu Ende ging, wurde für einen Teil der Klassen in jedem beliebigen Fach drei- bis viermal in der Woche je zehn bis 15 Minuten vorgelesen. Anschließend bearbeiteten alle Schüler der Klasse einen Fragebogen, bei dem sie Aussagen als richtig oder falsch ankreuzen konnten.

Belgrad verdeutlichte in seinem Vortrag, was den Prozess des Lesens überhaupt ausmacht. Dieser setze sich zusammen aus dem Dekodieren des Gelesenen und den mentalen Vorstellungen, dem „Kopfkino“ sozusagen. Dadurch, dass beim Vorlesen lediglich zugehört werden müsse, falle das Dekodieren weg und das „Kopfkino“ könnte sich wesentlich besser entfalten. Hierbei stelle sich für die „Smartphone-Generation“ ein ganz neues Lernen ein, zudem werde die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern wie auch unter den Schülern ganz erheblich verbessert.

Um die Ergebnisse nachvollziehen zu können, stellte Belgrad den „Lesequotienten“ vor: eine Rechenquote, vergleichbar mit dem Intelligenzquotienten. Der Durchschnittswert liege hier bei 100 Punkten.

Fünfer auf „Hautpschul-Niveau“?

In Bad Buchau startete das Projekt mit 191 Schülern, wobei 124 als Versuchsgruppe, der regelmäßig vorgelesen wurde, agierten und 67 als Kontrollgruppe, um die Ergebnisse vergleichen zu können. Nach Belgrad habe der Lesequotienten in der Versuchsgruppe doppelt so stark zugenommen als in der Vergleichsgruppe.

Anschließend präsentierte er die Ergebnisse der einzelnen Klassen: Die Klasse fünf startete mit 84 Punkten und steigerte sich bis auf 95 Punkte. Der dazu folgende Kommentar von Professor Belgrad, dass dieser mehr als unterdurchschnittliche Wert erschreckend, ja „Hauptschul-Niveau“, sei empörte einige Eltern sehr. Belgrad betonte aber auch, dass hier das Problem in den Grundschulen zu suchen sei.

Auch das Ergebnis der sechsten Klasse, die ohne Veränderung blieb, traf die Anwesenden merklich. Hier liege das Problem darin, dass den Kindern zu wenig vorgelesen wurde, wie die versammelten Lehrer unterstützend anmerkten. Die Klasse sieben steigerte sich um acht Punkte, die Klasse acht sehr erfolgreich um elf Punkte, die Klasse neun um fünf Punkte und die Klasse zehn um zehn Punkte. Die Klasse neun griff Belgrad noch einmal separat heraus und veranschaulichte, dass die Kontrollgruppe sogar fünf Punkte verloren hätte. Ohne Förderung gebe es also durchaus Verschlechterungen, was Belgrad trefflich formulierte: „Net bloß quatscha, au schaffa.“

Dass das Progymnasium diese Erkenntnis schon verinnerlicht hat, zeigt wohl die Leseförderung in den Klassen fünf und sechs: Hier ist es für die Schüler ein Muss, eine bestimmte Anzahl Bücher in einem Schuljahr in der Bücherei auszuleihen. An seine Präsentation schloss Professor Belgrad ein großes Lob an das Progymnasium Bad Buchau an. Die fast durchweg positiven Ergebnisse zeigten das Engagement dieser Schule, so Belgrad, der Direktor Matthias Hoffmann ein Zertifikat überreichte. Künftig darf sich das Progymnasium also „Vorleseschule“ nennen.

 

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Schulleiter Matthias Hoffmann (links) freut sich über die Erfolge des Vorleseprojekts, das Professor Jürgen Belgrad nun am Progymnasium vorstellte. Bild: sz- Stephanie Speiser

 

Vorlesen schafft Nähe

Auf die Frage, wie es nun weitergehe, antwortete Hoffmann, dass ein weiteres Vorlesen sehr aufwendig sei. Im Kollegium werde man sich aber darüber beraten, da sich doch ein erheblicher Erfolg abgezeichnet habe. Hoffmann: „Es gibt sicher noch einiges an Potential und wir werden ein offenes Ohr und Auge nach Weingarten richten.“

Doch wie oft und wie lange sollte man seinem Kind vorlesen? Auf die Frage der Eltern betonte Belgrad: „So oft wie möglich natürlich, damit intensivieren Sie auch die Beziehung zu Ihrem Kind! Am besten täglich – bis das Kind einschläft.“ Und Hoffman ergänzt schmunzelnd: „Oder der Vorleser.“

 

Text und Bild:  Schwäbische Zeitung